Warum chronisch kranke Menschen außergewöhnlich stark sind


Jeder von uns kennt die Hürden, die sich durch eine chronische Krankheit ergeben. Komischerweise höre ich häufiger von anderen, dass die Krankheit selbst, also die körperlichen Einschränkungen, immer leichter zu tolerieren sind als der psychische Druck, der meistens entsteht. Das kann ich auch bestätigen.

Als chronisch Kranker musste ich plötzlich mit Dingen umgehen lernen, die ich nicht kannte und auch nie erwartet hätte.

Der Verlust der Unabhängigkeit: Gerade in der Anfangszeit, in der ich mit den neurologischen Symptomen noch nicht umzugehen wusste, habe ich kaum alleine das Haus verlassen und war stark abhängig von meiner Familie. Ich musste mich von meinem alten Ich verabschieden und mich damit anfreunden, dass mit Mitte 20 ein anderes Leben begann. Ich würde sagen, dass das eine große Herausforderung war, die ich gut gehandhabt habe.

Im Endeffekt begrub ich mein altes Leben und das hat wahnsinnig geschmerzt.

Der Verlust des Arbeitsplatzes bzw. die plötzlich entstehenden finanziellen Probleme: Krank sein ist kostspielig. Denn auch wenn wir in Deutschland in einem Sozialsystem leben, gibt es viele alternative Behandlungen, die privat bezahlt werden müssen. Zusatzgebühren für Hilfsmittel, Medikamente und Krankengymnastik sind immer zu bezahlen, auch wenn sie zu den Kassenleistungen gehören.

Der Verlust des Arbeitsplatzes kann dazu führen, dass man auch keine eigene Wohnung mehr finanzieren kann und ganz schnell um das finanzielle Überleben kämpft.

Der Kampf um die Anerkennung der Erkrankung vor diversen Behörden und Ärzten: Die für mich mit Abstand schmerzhafteste und härteste Zeit war der Kampf um die Anerkennung der Erkrankung bei Krankenkasse, Rente und Arbeitsamt. Die diversen Gutachten die meine Würde mehrmals verletzten und das ständige mich rechtfertigen müssen, warum ich krank bin. Ich fühlte mich in der Pflicht, nie außer Haus zu gehen, um nicht auszusehen als wäre ich nicht krank genug. Es gab mehrere Erfahrungen die mich fast an den Punkt gebracht hätten aufzugeben und aufzuhören zu kämpfen. Ich hatte kaum noch Energie mich ständig wehren zu müssen. Diese Zeit hat dazu geführt, dass ich sofort auf Verteidigung schalte, wenn ich das Gefühl habe, man glaubt mir nicht.

Auch mit Ärzten gibt es solche Erlebnisse. Manche wollen sich nicht die Mühe machen, etwas über meine Krankheit zu lernen, andere denken sie wüssten besser, wie sich die Krankheit anfühlt als ich. Würde ich jedesmal einen Euro dafür bekommen, wenn ich gefragt werde, wie man Ehlers-Danlos-Syndrom schreibt, wäre ich schon reich.

Viele machen genau die selben Erlebnisse durch und doch ändert sich nichts am System. Für mich war es wichtig, Möglichkeiten zu finden, wie ich abschalten kann, wie ich das alles einfach mal vergessen kann. Es braucht schon ein ziemliches Maß an Stärke (oder Gelassenheit), um diese Kämpfe durchzustehen. Chronisch Kranke haben jeden einzelnen Tag ihres Lebens mit mehr als einem Problem zu tun und genau das lässt uns stark werden.

Der Kampf um die Anerkennung der Erkrankung vor Familie und in der Öffentlichkeit: Auch im persönlichen sozialen Umfeld können schlimme Erfahrungen passieren. Ich schätze jeder von uns hat schon einmal gehört, wie jemand hinter dem Rücken etwas Böses über uns gesagt hat. Dinge wie: die ist doch nur zu faul zum arbeiten oder die sieht doch gar nicht krank aus, begleiten mich jeden Tag. Glücklicherweise musste ich nicht auch noch damit umgehen, dass diese Vorwürfe von Familie und Freunden kamen. Doch ist es nicht selten, das Kranke sogar von der eigenen Familie angezweifelt werden, was sehr verletzend sein muss. Wenn auch noch der letzte stabilisierende, unterstützende Anker wegfällt, wie würdet ihr euch fühlen?

Jeder von uns braucht jemanden der uns auffängt, wenn wir mal nicht selbst stark sein können.

Stellt euch vor, ihr hättet all diese Probleme jeden Tag, siebenTage die Woche und dann stellt euch vor, dass ihr zusätzlich noch ständig Schmerzen, neurologische Ausfälle, Magen-Darmprobleme, Blutdruckschwankungen, eine immense Erschöpfung und Müdigkeit hättet.

Manche brechen unter diesem Druck zusammen und können nicht mehr weitermachen. Jeder der diese Menschen als schwach bezeichnet, sollte sich noch einmal genau die oben aufgeführten Punkte durchlesen und überdenken, wie er wohl selbst mit dieser Last an Problemen umgehen würde.

Chronische Krankheiten bringen vielen Hürden mit sich, sie verändern uns, aber auch manchmal zum Besseren. Wir werden empathischer, offener, fordern von anderen Menschen nicht mehr so viel und vor allem urteilen wir nicht mehr, über Dinge, die wir nicht wissen können.

Die meisten der Menschen mit ähnlichen oder den gleichen Krankheiten wie der meinen die ich kennenlernen durfte, waren überdurchschnittlich motiviert, extrem wissbegierig und sehr stark.

Viele von uns werden reduziert auf ihre Erkrankungen, doch sind wir viel mehr als das. Wir sind Kämpfer, Anwälte, Ärzte, Physiotherapeuten, Freunde, Kinder, Partner, Finanzberater, Event planner, Reiseführer, Psychologen, Gesundheitsadvokaten – wir sind genau das, was wir in der jeweiligen Situation sein müssen.